Usbekistan

Usbekistan-Leben an der Seidenstraße

Feigenverkauf in Samarkand

Laut, bunt, chaotisch. Auf dem Flug nach Taschkent lerne ich wie dehnbar der Begriff „Handgepäck“ sein kann. Riesige Pakete verschwinden auf, über und unter den Sitzen, ruckzuck bin ich von der unentwegt lächelnen Usbekin neben mir eingebaut.

Das Lächeln wird mich auf meiner Reise begleiten. Gastfreundlich und hilfsbereit, die usbekische Art ihren Gästen zu begegnen ist angenehm. Ob im Teehaus in Samarkand, auf den Baustellen Bucharas oder den Märkten unterwegs, überall begegnen uns Menschen mit fröhlicher Offenheit.

Melonenmarkt

Ob wir Reisegruppen usbekischer Landfrauen an den Sehenswürdigkeiten oder Mütter mit Kindern beim Abendspaziergang treffen – wir kommen schnell ins Gespräch. Oft mit Hand und Fuß, nur selten wird englisch gesprochen und unser russisch ist viel zu dürftig. Dennoch, man versteht sich, lacht und winkt sich zum Abschied zu.

Nur langsam öffnet sich das Land dem Tourismus. Sicher, an den großen Attraktionen drängen sich die Besucher, doch oft findet man nur wenige Meter abseits kleine Restaurants und Teestuben. Auch die sind immer gut besucht, doch häufig sind wir die einzigen Nicht-Usbeken.

Cafe in Samarkand
Cafe in Samarkand

Die bunte Schar fröhlicher Menschen steht in merkwürdigem Kontrast zur ernsten Seite des Landes.

Auf unserer Reise werden wir immer wieder an Kontrollpunkten angehalten. Für uns als Touristen dauert die Passage nicht lange. Dennoch schleicht sich ein leicht ungutes Gefühl ein. Ob in Taschkent an den Eingängen zur U-Bahn die Taschen geöffnet werden müssen oder in den Bäumen Bucharas Kameras jede Bewegung überwachen, die Angst vor Anschlägen ist allgegenwärtig.

Ob berechtigt, Usbekistan grenzt an Afghanistan, oder nur aus staatspolitischen Gründen ist nicht so recht zu definieren.

Wohnblockzeile für die eine Stadt abgerissen wurde
Für diese Neubauten musste eine ganze Stadt weichen

Die usbekische Bevölkerung scheint sich anzupassen. Nicht nur dem überhöhten Sicherheitsbedürfnis, auch den staatlich verordneten Wohltaten zur Wohnkultur widersetzt sich niemand.

Überall treffen wir auf uniform gestaltete Wohnviertel. Neu, einheitlich und in ihrer gigantischen Ausdehnung auch langweilig. In den Großstädten werden die gewachsenen Strukturen ganzer Stadtviertel planiert, auf dem Land sogar ganze Städte. Auf dem Weg von Buchara nach Chiva fahren wir kilometerweit an absolut gleich ausschauenden Einfamilienhausreihen entlang. Kein Vorgarten, nicht die kleinste Besonderheit unterscheidet die Häuser voneinander.

Den Usbeken scheint es egal zu sein, sie mögen die Häuser trotzdem. Das gesellschaftliche Leben spielt sich ohnehin draußen und in den Restaurants ab.

Verkaufstand am Markt
Getränkeverkauf

Usbeken feiern gerne, viel und jeden Anlass. Geburtstage, die eigenen, die der Kinder, Jubiläen aller Art, in Usbekistan wird es ein großes Fest.

Dann werden Lokale gemietet, die Verwandten und Freunde eingeladen, man putzt sich heraus und isst, tanzt und lacht bis in die frühen Morgenstunden.

Übliches Geschenk ist Geld, mit welchem die Party dann gleich bezahlt wird.

Das größte und wichtgste Fest im Leben eines Usbeken ist die Hochzeit. Überall im Land und an allen Wochentagen treffen wir auf Hochzeitsgesellschaften.

Tagsüber sind das kleine Grüppchen, die engste Familie, die zusammen mit dem Brautpaar ein streng festgelegtes Programm absolvieren. Dessen Höhepunkt ist die große Feier am Abend mit mehreren hundert Gästen.

Wir sind verwundert über die angespannten und manchmal sogar mürrischen Gesichter der Brautpaare. Steif, fast distanziert, führen die jungen Männer ihre Bräute am Arm. Glücklich wirkt keiner so recht. Warum ist hier am schönsten Tag im Leben keiner ausgelassen fröhlich? Warum sieht man kein Brautpaar locker scherzen oder Zeichen von Nähe?

Hochzeitstafel
Hochzeitstafel

Die Antwort ist einfach. In Usbekistan werden Hochzeiten arrangiert. Klare Kriterien, festgelegt von den Müttern der Brautleute, zäh ausgehandelt und umgesetzt in einen Brautpreis, der nicht selten ganze Familien ruiniert.

Liebesheirat? Nein das hält man hier für Unfug. Das usbekische System funktioniert, die Ehe ist eine Zweckgemeinschaft und wird auch als solche gelebt. Usbeken sprechen niemals über ihre Gefühle. Weder in der Familie noch mit Freunden. Wer sich verwundert oder gar empört zeigt wird mit der schlichten Frage nach der Scheidungsrate im Herkunftsland ausgebremst.

Usbekistan kennt fast keine Scheidungen, warum auch. Die Ehe ist eine Geschäftsbeziehung in der man möglichst viele Kinder mit guter Bildung erzieht.

Baumwollpflanze

Bildung ist wichtig. Das Schulsystem ist einheitlich und es wird großer Wert darauf gelegt möglichst jedes Kind ein Instrument lernen oder eine Sportart ausüben zu lassen.

Was nichts daran ändert, dass zur Zeit der Baumwollernte jede Hand gebraucht wird. Auch die der Schüler und Lehrer. Zum Baumwollpflücken darf seit kurzem niemand mehr gezwungen werden, heute entscheiden sich die Klassen freiwillig zur Erntearbeit.

Wir verkneifen uns die kritische Anmerkung und lassen uns stattdessen zeigen wie Baumwolle gepflückt wird. Unsere ungeschickten Versuche die Fasern sauber von der Kapsel zu lösen führen zu großer Heiterkeit bei den Usbeken.

Baumwolle ist Usbekistans wichtigstes Agrarprodukt. Die Bewässerung der Baumwollfelder verschlingt Unmengen an Wasser. Die damit einhergehende Versalzung der Böden und die zunehmend geringere Wasserführung der Flüsse entpuppt sich schnell als Tabuthema. Obwohl die Baumwollproduktion unübersehbar problembehaftet ist werden unsere Fragen unbeantwortet weggelächelt.

versalzte Pflanze
versalzte Pflanze

Überhaupt werden unangenehme Themen bei einer Tasse Tee oder einem traditionellen Essen freundlich und entspannt auf Nettes umgelenkt.

Und da gibt es einiges zu erzählen. Über die Geschichte des Landes, alte Handwerkskunst, die Kulturschätze und die Bemühungen um deren Erhalt.

Immer wieder werden die schönen alten Gebäude durch Erdbeben beschädigt.

Die Kunst der Fliesenherstellung der alten Baumeister ist im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen, die heute möglichen Techniken halten dem Wüstenklima nur wenige Jahre stand. Ein aufwändiger, und teurer Wettlauf mit der Zeit.

Dennoch, man bemüht sich sehr um den Erhalt des Alten, konserviert Gebäude und traditionelles Handwerk. Ob auf den Straßen, in den Höfen der Medresen oder in den eigens eingerichteten Museen in Samarkand, Buchara oder Chiva, überall lassen sich die Kunsthandwerker gern über die Schulter schauen.

Reparatur alter Fliesen

Man ist sich des Wertes alter Kulturgüter für den Tourismus bewusst, pflegt was noch vorhanden ist und präsentiert voller Stolz die Schätze des Landes.

Vieles ist anders in Usbekistan, ungewohnt und manchmal schwer zu verstehen. Die Menschen sind unglaublich freundlich, hilfsbereit, entgegenkommend und voller Heiterkeit. Taschkent, Samarkand, Buchara oder Chiva, Usbekistans Perlen an der Seidenstraße sind den Besuch uneingeschränkt wert.

Weiterlesen:

Usbekistan – Melone, Tee und Gastfreundschaft

Chiva – Traum aus 1001 Nacht

Samarkand – Perle der Seidenstraße

Reisetagebuch*

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Autor

Hallo, ich bin Katrin. Ich lebe am Meer und fühle mich mit den Füßen im Sand am Wohlsten. Rauschende Wellen, Wind, das wunderbare Licht und die über dem Wasser ziehenden Wolken begeistern mich immer aufs Neue. Ich liebe das Leben so wie es ist. Mein immer wiederkehrendes Fernweh kuriere ich erfolgreich durch Kofferpacken.